Versuchsstelle Gottow

Physikalisch – Chemische Versuchsstelle Gottow

Auf Initiative von General Prof. Dr. Ing. Kurt Becker (einer aus der Gilde der sogenannten Professorengeneräle) entstand im Jahr 1926 die „Zentralstelle für Heeresphysik und Heereschemie“, die 1929 zur offiziellen Reichswehrdienststelle wurde. Bereits damals bezog die Reichswehr für Zwecke der Wehrforschung Doktoranden ein, die insbesondere auf dem militärischen Versuchsgelände in Kummersdorf tätig waren. Nach 1933 wurden die militärischen Forschung intensiviert und neue Forschungseinrichtungen gebildet.
Dazu gehört auch die Versuchsstelle Gottow, die ca. 1937/38 errichtet wurde und für etwa 1000 Beschäftigte ausgelegt war. Es war beabsichtigt, möglichst viele wissenschaftliche Einrichtungen in die Lösung der immer umfangreicheren Wehrforschungsaufgaben einzubeziehen oder mit ihnen zu kooperieren. So entwickelte sich Gottow zur modernsten Anlage des Heeresversuchsplatzes.

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Die Versuchsstelle Gottow unterhielt intensive Arbeitsbeziehungen u.a. mit folgenden Einrichtungen:

  •     Die Wehrtechnische Fakultät der TH Berlin
  •     Das II. Physikalische Institut der Berliner Universität
  •     Die Chemisch – Technische Reichsanstalt Berlin
  •     Die Physikalisch – Technische Reichsanstalt Berlin
  •     Die verschiedenen Kaiser – Wilhelm Institute
  •     Physikalische und Chemische Institute zahlreicher anderer Universitäten und Hochschulen
  •     Forschungsstätten der Rüstungsindustrie

In der Versuchsstelle Gottow wurden sämtliche neue wissenschaftliche Erkenntnisse auf die militärische Verwendbarkeit geprüft. U.a. wurde intensiv in den Bereichen Optik, Bildwandler, Ultrarot, Ultraschall, Elektronik, Werkstoffkunde, Messtechnik und auch an Raketentreibstoffen geforscht. Allein in der Zeit von Mitte 1943 bis Anfang 1945 wurden 120 überwiegend geheime und mit Dringlichkeitsstufen versehene Forschungsaufträge vergeben. Die militärische Bedeutung der Versuchsstelle Gottow wurde auch durch die Verbindung zum Sicherheitsdienst der SS belegt.

Ein höchst folgenschweres Projekt war der Aufbau einer Versuchsanlage zur Urankernspaltung. Nach der Entdeckung und Interpretation der Kernspaltung durch Otto Hahn und Lise Meitner sowie einer möglichen Kettenreaktion durch Joliot-Curie wollte man herausfinden, ob eine solche Kettenreaktion praktisch möglich sei. Eine gesteuerte Kettenreaktion würde zu Atomkraftwerken führen, eine unkontrollierte letztlich zur Atombombe. Nach der Besetzung Belgiens und Frankreichs konnte Nazi-Deutschland sich Uran und Radium, das man für die Bestrahlung mit Neutronen benötigte, aneignen. Es wurden mehrere Versuche durchgeführt, die allerdings nicht geheim blieben. Über Dänemark und England gelangte Kenntnis davon in die USA. Einstein informierte Präsident Roosevelt über die wahrscheinliche Bedrohung. Nach der Erfahrung des unerwarteten japanischen Überfalls auf Pearl Harbor wollte Rosevelt und seine Administration nicht riskieren, dass Nazi-Deutschland plötzlich mit einer Atombombe die USA bedrohen könnte und startete das Manhattan-Projekt zum Bau von Atombomben. Sie wurden über Hiroshima und Nagasaki getestet; es waren unterschiedliche Typen. Vorher wurde Oranienburg von den Alliierten kurz vor Kriegsende angegriffen. Mit dem verheerenden Angriff sollten die Auer-Werke, die das U235 für Kummersdorf lieferten, zerstört werden, damit das Uran und die Technologie zur Anreicherung nicht den russischen Truppen in die Hände fallen konnten. Insofern sind die Blindgänger, die uns bis heute regelmäßig in Oranienburg beschäftigen und gefährden, eine direkte Folge der Versuchsanlage in Gottow.

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Durch die Zunahme der Bombenangriffe auf Berlin wurde Mitte 1943 die Berliner Forschungsabteilung des Heereswaffenamtes komplett nach Gottow verlegt. Kurz vor Kriegsende wurden die Forschungsabteilung und eine Vielzahl der Mitarbeiter von der Versuchsstelle Gottow auf den Truppenübungsplatz Hillersleben verlegt und gleichzeitig ein großer Teil der Akten verbrannt. Kurz darauf erfolgte die Rückverlegung, da die amerikanischen Truppen in Richtung Magdeburg vorstießen. Am 20.04.1945 erfolgte der Befehl zur Räumung des Heeresversuchsplatzes Kummersdorf einschließlich der Versuchsstelle Gottow. Nach der Besetzung der Versuchsstelle Gottow durch die Rote Armee wurden alle vorhandenen Anlagen und Einrichtungen demontiert und noch vorhandene Dokumente beschlagnahmt. Einige Mitarbeiter wurden zur Weiterführung ihrer wissenschaftlichen Arbeiten in der Sowjetunion zwangsverpflichtet.

Wer mehr über das deutsche Uranprojekt und seine unmittelbaren Auswirkungen auf das Manhattan-Projekt wissen möchte, dem seien die Bücher „Atomversuche in Deutschland“ sowie „Die Flucht der Genies“ empfohlen.

In den Jahren 1955/56 wurde das Gelände zu einem Munitionslager umgebaut und erweitert.

 

sdr